6 Stunden später:
Ich bin nicht sicher, ob ich es noch einmal so schreiben würde.

Vielleicht müsste man manches anders sagen, manches vorsichtiger, manches klarer.

Aber vielleicht ist gerade das der Grund, es stehen zu lassen.

NX, Juni 2026

 

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Gedanken zu Migration, Integration und zur Frage, warum Nichtstun die schlechteste Antwort ist

„Es ist notwendig geworden, dass wir uns sorgsam überlegen, wo die Aufnahmefähigkeit unserer Gesellschaft erschöpft ist und wo soziale Vernunft und Verantwortung Halt gebieten.“

– Willy Brandt, 1973

Wofür ich stehe

Ich bin Demokrat. Ich respektiere den Rechtsstaat, verknüpft mit persönlicher Verantwortung. Mein Anliegen ist keine parteipolitische Positionierung, sondern eine offene, ehrliche und lösungsorientierte Debatte über Migration, Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt – ohne Verharmlosung, ohne Verunglimpfung und ohne Politik aus Einzelfällen.

Warum ich diesen Text schreibe

Meine Absicht war ursprünglich, meine persönliche Haltung zur Migration in wenigen klaren Sätzen zu formulieren. Dass daraus mehr geworden ist, liegt nicht an Lust zur Zuspitzung, sondern an der Komplexität des Themas – und vielleicht auch daran, dass in dieser Frage seit Jahren vieles gleichzeitig wahr ist: Humanität und Überforderung, Offenheit und Begrenzung, Integrationswille und Integrationsprobleme, Chancen und Spannungen.

Ich wehre mich gegen die Verrohung auf beiden Seiten der Debatte. Mit Einzelfällen Politik zu machen, führt aus meiner Sicht in die Irre – sei es mit tragischen Flüchtlingsschicksalen, um jede Kritik moralisch abzublocken, oder mit einzelnen Gewalt- und Missbrauchsfällen, um pauschal ganze Bevölkerungsgruppen zu verurteilen.

Ich bin kein Ideologe und kein parteipolitischer Aktivist, sondern ein Bürger, der den Eindruck hat, dass ein Teil der Bevölkerung mit seinen Sorgen, Fragen und Wahrnehmungen in dieser Debatte zu wenig ernst genommen wird.

Ich distanziere mich dabei ausdrücklich von zwei Haltungen, die einer ehrlichen Debatte gleichermassen im Weg stehen: zum einen von einer moralisch überhöhten Sichtweise, die Integrations-, Sicherheits- und Belastungsfragen aus ideologischen Gründen verharmlost oder falsch einordnet; zum anderen von einem polemischen und populistischen Auftreten, das zwar zuspitzt, aber mehr polarisiert als löst. Beides überzeugt mich nicht.

Worum es mir in der Migrationsfrage geht

Ich bin der Meinung, dass die Schweiz bei einem Ausländeranteil von über einem Viertel den Schwerpunkt nicht mehr primär auf eine weitere Ausweitung der Zuwanderung legen sollte, sondern stärker auf Integration, Begrenzung und die Wiederherstellung von Vertrauen in die Steuerungsfähigkeit des Staates.

Viele Menschen spüren heute Dichtestress, einen Verlust an Vertrautheit und Identifikation sowie das Gefühl, dass sich das Land schneller verändert, als es gesellschaftlich verarbeitet und integriert werden kann. Hinzu kommt der Eindruck eines wachsenden Kontrollverlusts – bei der Durchsetzung von Regeln, bei der Integration, bei Sicherheitsfragen oder im Vertrauen, dass Probleme frühzeitig erkannt und ernst genommen werden.

Diese Wahrnehmung sollte weder reflexhaft abgewertet noch vorschnell moralisch etikettiert werden. Sie hat mit Wohnraum, Schule, Sicherheit, kultureller Kohärenz, demokratischer Steuerbarkeit und dem Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates zu tun. Wie berechtigt oder wie statistisch belastbar einzelne Wahrnehmungen sind, muss selbstverständlich nüchtern geprüft werden – aber Emotionen lassen sich nicht in Prozenten messen, ihre politische Wirkung sehr wohl. Wir tun gut daran, verbreitete Wahrnehmungen ernst zu nehmen, bevor sie sich ungeprüft verfestigen und als vermeintliche Wahrheit verselbständigen.

Wer Spannungen besonders stark spürt

Die Folgen gesellschaftlicher Veränderungen werden nicht von allen gleich stark erlebt. Wer finanziell abgesichert ist, in stabilen Quartieren lebt und über grosse Ausweichmöglichkeiten verfügt, nimmt viele Entwicklungen anders wahr als Menschen, die unter Druck auf dem Wohnungsmarkt stehen, auf funktionierende Schulen angewiesen sind oder Veränderungen im öffentlichen Raum unmittelbar erleben. Daran ist zunächst nichts Falsches. Problematisch wird es erst, wenn aus einer geschützten Perspektive heraus die Erfahrungen der weniger Privilegierten relativiert, moralisch abgewertet oder gar bestritten werden. Gerade in einer offenen Gesellschaft wäre es wichtig, sich auch in jene Lebenswirklichkeit hineinzuversetzen, in der Dichte, Überforderung, Integrationsprobleme oder Sicherheitsfragen nicht abstrakt, sondern Alltag sind.

Wer sprachlich sicher ist, über Zeit, Bildung, Netzwerke und öffentliche Aufmerksamkeit verfügt, kann seine Sicht leichter sichtbar machen und politisch wirksam vertreten. Auch das ist Teil einer offenen Demokratie und legitim. Problematisch wird es dort, wo gerade jene Stimmen überrepräsentiert sind, welche die Folgen von Migration, Dichte oder Sicherheitsfragen weniger direkt tragen, während die Erfahrungen der stärker betroffenen Bevölkerungsteile politisch und medial weniger Gewicht erhalten. Gerade deshalb wäre mehr Bereitschaft zur Perspektivübernahme wichtig – nicht als moralische Pflichtübung, sondern als Voraussetzung für eine faire und realitätsnahe Debatte.

Daraus ergibt sich für mich ein Auftrag an beide Seiten des politischen Spektrums. Die politische Linke – insbesondere die SP – täte gut daran, ihre ursprüngliche Wählerschaft und deren Lebensrealität wieder ernster zu nehmen: Menschen, die auf bezahlbaren Wohnraum, funktionierende Schulen, Sicherheit im Alltag und einen handlungsfähigen Staat angewiesen sind. Wer soziale Gerechtigkeit ernst meint, darf die Belastungen durch Überforderung, Dichte, Integrationsprobleme und Kontrollverlust nicht relativieren oder moralisch überdecken.

Umgekehrt sollte die politische Rechte – und insbesondere die SVP – die Sorgen eines grossen Teils der Bevölkerung nicht bloss aufnehmen, um sie parteipolitisch zu bewirtschaften oder dauerhaft in einer zugespitzten Oppositionsrolle zu halten. Wer für sich in Anspruch nimmt, die Sorgen von fast 30 Prozent der Wählerschaft zu vertreten, sollte daraus nicht in erster Linie politische Kapitalisierung ableiten, sondern konstruktive Verantwortung: Probleme nicht nur zu benennen, sondern an tragfähigen, rechtsstaatlichen und gesellschaftlich verantwortbaren Lösungen mitzuwirken.

Warum Integration mehr ist als Sprache und Arbeit

Integration ist für mich mehr als Erwerbstätigkeit, Sprachkenntnisse oder administrativer Aufenthalt. Besonders anspruchsvoll wird sie dort, wo kulturelle oder religiöse Prägungen mit grundlegenden Prinzipien unseres Zusammenlebens in Spannung geraten – bei Rollenbildern, beim Verhältnis von Religion und Staat, bei der Stellung der Frau, beim Umgang mit Autorität und bei der Bereitschaft, sich den Regeln eines freiheitlichen Rechtsstaats verbindlich unterzuordnen.

Wirklich schwierig wird es, wo Grundprinzipien unseres Rechts- und Sozialstaats nicht angenommen, relativiert oder offen verweigert werden: die Akzeptanz staatlicher Regeln, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Eigenverantwortung, das Verhältnis zu Freiheit, Religion und öffentlicher Ordnung. Darüber muss man offen sprechen dürfen – sachlich, ohne Überheblichkeit, aber auch ohne Tabus. Eine demokratische Gesellschaft sollte solche Spannungen benennen können, ohne Menschen pauschal abzuwerten und ohne berechtigte Fragen sofort moralisch zu disqualifizieren.

Warum Nichtstun die schlechteste Antwort ist

Je länger wir mit ehrlichen Korrekturen warten, desto grösser wird die Gefahr, dass spätere Antworten härter, polarisierter und weniger vernünftig ausfallen. Wenn Probleme über Jahre ignoriert, beschönigt oder tabuisiert werden, wächst nicht die Gelassenheit, sondern der Frust – und irgendwann die Bereitschaft, radikaleren Antworten zuzuhören.

Gerade die Abstimmung vom 14. Juni hat mir noch einmal verdeutlicht, warum ich dieses Thema aufgreife. Die SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» wurde abgelehnt – und zeigte doch etwas Entscheidendes: Der Dichtestress ist für eine Mehrheit real, aber ein starrer Deckel überzeugte nicht, und der bilaterale Weg sollte nicht aufs Spiel gesetzt werden. Mehrheitsentscheide sind zu respektieren. Wenn eine Abstimmung am Ende aber vor allem die Lager bestätigt – die einen in Selbstbestätigung, die anderen in zorniger Empörung –, bleibt die eigentliche Aufgabe ungelöst: tragfähige Antworten zu entwickeln, die das Problem anerkennen, ohne den Wohlstand zu verspielen.

Diese Verantwortung betrifft alle Generationen. Gerade bei einem Thema mit so langfristigen Folgen reicht es nicht, Probleme an die Nächsten weiterzureichen. Gefragt sind die Jüngeren, die Mittleren und die Älteren – alle, die bereit sind, Realität anzuerkennen, Widerspruch auszuhalten und an tragfähigen Lösungen mitzuwirken.

Zur Ehrlichkeit gehört für mich auch, die Rolle der Bürgerinnen und Bürger nicht auszublenden. Gerade in sozial belasteten oder weniger privilegierten Milieus entsteht aus Überforderung, Enttäuschung oder Resignation oft eine Haltung des passiven Murrens: Die machen ja ohnehin, was sie wollen. Ich kann das menschlich nachvollziehen – für eine funktionierende Demokratie reicht es nicht. Demokratie ist nicht gratis. Sie lebt vom informierten, denkenden und mitverantwortlichen Bürger, der sich nicht mit Schlagzeilenwissen zufriedengibt, sondern bereit ist, sich ein eigenes Urteil zu bilden, Widerspruch auszuhalten und sich einzubringen. Wer sich ganz aus der Mitverantwortung zurückzieht, überlässt das Feld am Ende genau jenen, die er kritisiert.

Mein Punkt ist nicht Abschottung, sondern Prioritätensetzung: weniger Verdrängung, mehr Ehrlichkeit; weniger Symbolik, mehr Integration; weniger moralische Selbstbestätigung, mehr praktische Problemlösung. Eine offene Gesellschaft braucht Humanität, aber auch Handlungsfähigkeit, Grenzen und den Mut, Spannungen auszusprechen, bevor aus ihnen dauerhafte Brüche werden.

Vom Reden zum Steuern

Was heisst das praktisch? Zuerst, was es nicht heisst: keinen Deckel. Eine feste Obergrenze ist weder rechtlich machbar noch praktisch sinnvoll – sie kollidiert mit der Personenfreizügigkeit und damit mit dem bilateralen Weg, von dem unser Wohlstand abhängt. Das Stimmvolk hat das am 14. Juni bestätigt. Ebenso wenig meine ich das Gegenteil, das stille Abwarten in der Hoffnung, steigende Mieten und volle Züge würden die Zuwanderung schon von selbst bremsen. Diese Haltung ist bequem und verantwortungslos zugleich, denn ihre Kosten tragen zuerst jene, die ohnehin am wenigsten ausweichen können.

Dazwischen liegt das Eigentliche: regelbasiertes Steuern statt organisches Treibenlassen. Dafür gibt es ein konkretes Instrument – die Schutzklausel im Paket der Bilateralen III. Sie verknüpft die Zuwanderung mit klaren Indikatoren und Schwellenwerten in Bereichen wie Arbeitsmarkt, Wohnen und Verkehr und verpflichtet die Behörden zu handeln, wenn diese Werte überschritten werden. Das ist kein Wundermittel und keine Bremse gegen jede Zuwanderung – ehrlicherweise bleibt es ein Ventil für den Ernstfall, umstritten und mit aussenpolitischem Preis. Aber es markiert den Unterschied zwischen einer Gesellschaft, die ihre Entwicklung gestaltet, und einer, die ihr nur zusieht. Genau deshalb sind die Bilateralen III für mich der zentrale Hebel.

Und das ist nur die eine Hälfte. Die andere hat mit Brüssel nichts zu tun, sondern allein mit unserem eigenen Vollzug: die Anwesenden ernsthaft integrieren, statt Aufenthalt mit Ankommen zu verwechseln; geltende Rechte und Regeln nicht nur zu haben, sondern auch durchzusetzen; und Missbrauch – von den Sozialsystemen bis zur Straffälligkeit – konsequent zu sanktionieren. Das verlangt kein neues Gesetz, sondern den Willen, das bestehende anzuwenden.

Über all das wird das Stimmvolk in absehbarer Zeit entscheiden können. Genau deshalb reicht passives Murren nicht. Wer findet, das Land verändere sich schneller, als es verkraftet, hat bald die Gelegenheit, nicht zu schimpfen, sondern zu gestalten.

Dieser Text will nicht recht haben, sondern zum Nachdenken anregen. Er ist der Versuch, einer persönlichen Haltung Ausdruck zu geben – offen für jeden begründeten Widerspruch und in dem Bewusstsein, auch falsch liegen zu können. Gerade deshalb ist die offene Debatte wichtig: zuhören, prüfen, widersprechen, weiterdenken – und wenn nötig die eigene Sicht korrigieren.

Ein Appell zum Schluss

Die Bilateralen III werden entscheiden – nicht über alles, aber über den Rahmen, in dem die Schweiz ihre Zuwanderung künftig steuern kann. Diese Abstimmung verdient mehr als ein Bauchgefühl am Urnensonntag. Informieren wir uns früh, denken wir nach, diskutieren wir aus – in der Familie, am Arbeitsplatz, im Quartier.

Lassen wir uns von der Komplexität nicht lähmen. Hinter Hunderten Seiten Vertragstext steht eine einfache Frage: Wollen wir unsere Entwicklung selbst gestalten oder ihr nur zusehen? Wer sich auf das Wesentliche konzentriert, lässt sich nicht einschüchtern.

Und seien wir wachsam. Parteien aller Lager werden versuchen, ihre Wählerschaft zu führen – mit kodierten Botschaften, mit herbeigeredeter Kompliziertheit, mit der Angst vor der Zukunft. Verschlüsseln statt erklären, verdecken statt klären. Dagegen hilft nur eines: selbst denken, selbst prüfen, selbst urteilen.

Ein letzter, ganz persönlicher Gedanke: Ich verzichte lieber auf ein Stück Wohlstand als auf ein Stück Freiheit. Wohlstand lässt sich wieder erarbeiten – verlorene Freiheit wiederherzustellen ist ungleich schwerer. Aber auch das ist keine Vorgabe, sondern eine Abwägung, die jeder für sich selbst treffen muss.

 

Denken erlaubt. Nur Nichtstun ist falsch.

Vorbemerkung

Man schreibt nicht immer, weil man etwas weiss.

Manchmal schreibt man, weil einen etwas beschäftigt und weil man nicht sicher ist, ob das Schweigen klüger wäre.

Dieser Text ist so ein Versuch. Keine Antwort.

Eher eine Frage, die sich nicht ganz abschütteln lässt.